Tag des offenen Denkmals® 2021

„Sein & Schein – in Geschichte, Architektur und Denkmalpflege“

Die Bielefelder Radrennbahn gilt als architektonisches Baudenkmal, weil ihre Fahrbahn in fugenloser Spannbetontechnik hergestellt wurde. Trifft diese Aussage wirklich zu? Genau genommen, muss diese Frage mit einem NEIN beantwortet werden. Ein Fahrbahnoval dieser Größenordnung ist bautechnisch ohne eine Fuge nicht machbar. Mehr „Schein als Sein“ also auch im seinerseit schnellsten, steilsten und schönsten Radsportstadion Deutschlands? Blicken wir zurück in die Entstehungszeit der Bahn und versuchen die „vorgetäuschte“ Wirklichkeit zu analysieren.

Die Fahrradhochburg Bielefeld war auf dem Sektor des Radsports gegenüber den anderen Hochburgen Nürnberg und Chemnitz ins Hintertreffen geraten. Die behelfsmäßigen Pisten auf den Laufbahnen der Sportplätze Königsbrügge und an der Pottenau waren einem Zentrum der Fahrradindustrie nie würdig gewesen. 1950 gab es endlich den Startschuss für den Bau der langersehnten Betonbahn mit überhöhten Kurven. Engagiert wurde der renommierte Architekt und Ex-Rennfahrer Clemens Schürmann. Dieser war es, der das Zauberwort „fugenlos“ ins Spiel brachte. Um dieses Alleinstellungsmerkmal zu bekommen, bewilligte der Rat der Stadt Bielefeld nachträglich Mehrkosten von 60 000 DM. Die Entscheidungsträger ließen sich vom Architekten versichern, dass es nirgendwo in Deutschland eine vergleichbare Bahn gäbe. Dieser Vorgang zeigt, wie wichtig den Stadtoberen in Politik und Verwaltung diese technische Besonderheit war. Eine Bahn ohne Längs- und Querfugen – die versprach einen sagenhaft guten Fahrkomfort und neue Geschwindigkeitsrekorde, womit das Image der Fahrradhochburg aufpoliert werden konnte.

Um das Prädikat „fugenlos“ zu erhalten, musste in aufwändiger Spannbetonmanier gebaut werden. Diese Technik – ohne die üblichen Dehnungsfugen des konventionellen Betonbaus – verlangt eine besondere Vorbereitung des Untergrunds und die anspruchsvolle Konstruktion eines stählernen Skeletts. Die Bauweise fand seinerzeit nur Anwendung bei Brücken, Fahrbahnen und Flugplatzpisten. Erschwerend kamen hier noch das Arbeiten in den Steilkurven und die außergewöhnliche Form einer ovalen Piste hinzu. Definitiv wurde hier bautechnisches Neuland betreten, vergleichbare Erfahrungen aus ähnlichen Bauprojekten lagen nicht vor. Betrachtet man die Fotos vom Bau der Bahn, wird deutlich, dass die ausführende Firma Dyckerhoff & Widmann (DYWIDAG) an die Grenzen des Machbaren ging. Vor allem das Betonieren der schrägen Fahrbahn und das gleichmäßige Verdichten der Betonmasse forderten den Beteiligten alles ab.

Wunderwerke der Spannbetontechnik – die Steilkurven der Radrennbahn mit 46° Neigungswinkel

Die Fahrbahndecke wurde in vielen Teilabschnitten gegossen, die Arbeiten nahmen viele Wochen in Anspruch. Und schließlich – wie es einem Oval eigen ist – trafen sich Anfang und Ende der betonierten Piste an einer Schlussfuge von etwa 60 cm Breite. An dieser Nahtstelle kam es zu den wichtigsten abschließenden Arbeiten wie dem Spannen der Stahlstäbe, horizontalen Zusammenpressen der Betonfahrbahn durch hydraulische Hochdruckpressen und Verpressen des flüssigen Mörtels in die Hüllrohre der Stahlstäbe. Man kann diese Arbeiten durchaus mit einer „Operation am offenen Herzen“ vergleichen, denn hier entscheidet sich die Qualität des Bauwerks, sein Gelingen oder Scheitern. Nach Abschluss dieser Arbeiten wurde diese Fuge, nur mit Stahlmatten armiert, mit Beton geschlossen.

In der Bildmitte sind in der Fuge die mit Öldruck betätigten Hochdruckpressen zu sehen

Das „Himmelfahrtskommando“ ist gut ausgegangen, nach fast 70 Jahren können immernoch problemlos Rennen ausgetragen werden. Die Betonpiste verdient das Prädikat „fugenlos“, weil die Schlussfuge so geschickt gefertigt wurde, dass sie weder vom Zuschauer noch vom Rennfahrer bemerkt wird. Dem sogenannten „schönen Schein“ wurde damit Genüge getan, die Fachwelt überschlug sich seinerzeit mit Superlativen in der Beurteilung der Bahn. Der bautechnische Kniff in Form der Schlussfuge war unumgänglich, diese Erkenntnis mindert den technischen Aspekt des Denkmals keinesfalls. Ganz im Gegenteil hebt sie seinen Wert, man versteht die Probleme und Schwierigkeiten beim Bau, aber auch seine Raffinesse. Man kann angesichts der damaligen Zeitumstände mit ihren eingeschränkten Möglichkeiten nur den Hut ziehen vor dieser meisterlichen Handwerkerleistung.

Die fertiggestellte Betonpiste der Westkurve mit der anschließenden Geraden und den Zuschauerbereichen

Alle Fotos auf dieser Seite: Stadtarchiv Bielefeld

Programm am Denkmaltag

In diesem Jahr gibt es wieder die beliebten Führungen durch das Radsportstadion. Nichts ersetzt die Magie des eigenen Denkmalbesuchs. Denn ein historisches Bauwerk zu erkunden, heißt, sich auf eine Entdeckungstour mit all seinen Sinnen zu begeben. Für alle, die nicht selbst vor Ort sein können, gibt es ein abwechselungsreiches virtuelles Online-Programm, das gegenüber dem Vorjahr noch wesentlich erweitert wurde.

Führungen durch die Mitglieder des Fördervereins gibt es nur um 11:00 und 12:00 Uhr, Treffpunkt ist das Kassenhäuschen am Eingang zur Radrennbahn. Die Führungen dauern etwa 45 Minuten. Der Zugang zur Radrennbahn ist nur über den Eingang am Parkplatz an der Heeper Straße (gegenüber der Kleingartenanlage) möglich, das ist der Parkplatz mit den Sperrbalken für Wohnmobile. Aus organisatorischen Gründen ist eine Anmeldung per Email unbedingt erforderlich an foerderverein-radrennbahn@web.de Es gelten die aktuellen Corona-Regelungen des Landes NRW und der Stadt Bielefeld für Außenveranstaltungen. Wegen einer musikalischen Großveranstaltung auf dem Kirmesplatz vor der Radrennbahn sind Führungen zu einem späteren Zeitpunkt leider nicht möglich.

Der Treffpunkt für die Führungen ist nur über die Parkplätze an der Heeper Str. zu erreichen. Luftbild: © Stadt Bielefeld, Amt für Geoinformation und Kataster (CC BY 4.0)

Die Anreise mit dem Fahrrad oder Bus ist zu empfehlen, weil der Parkraum für PKW direkt am Stadion begrenzt ist. Fahrräder können direkt am Treffpunkt abgestellt werden. Aus der Innenstadt fahren die Busse der Linien 23 und 26 (Haltestelle Ziegelstr./Radrennbahn) und der Linien 29 und 350/351 Haltestelle (Radrennbahn) zur Radrennbahn.

Das virtuelle Programm besteht aus unterhaltsamen und zugleich informativen Hörgeschichten, Videos und Bildpräsentationen sowie einem Streifzug durch historische Programmhefte, die online durchgeblättert werden können!

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