Tag des offenen Denkmals® 2022

KulturSpur. Ein Fall für den Denkmalschutz


Miss Hawaii tanzt in der Bielefelder Radrennbahn! Sportangler messen sich im Köder-Weitwurf! Heiße Beatrhythmen dröhnen im Betonoval! Falkner schicken ihre Greifvögel durch das Stadion! Die Helldrivers zeigen ihre waghalsigen Fahrkünste! Schülerinnen präsentieren anmutig ihre Reigentänze! Politische Parolen der großen Volksparteien SPD und CDU schallen über die voll besetzten Tribünen! Alles Schlagzeilen, die in Zusammenhang mit einem Radsportstadion überraschen. Durch intensive Recherchen im Online-Archiv der NEUEN WESTFÄLISCHEN fanden sich ungewöhnliche Kulturspuren.


Ähnlich der Jahresringe eines Baumes bilden die historischen Jahrgänge einer Lokalzeitung die Geschehnisse der Vergangenheit ab. Die Bestandsaufnahme des Fördervereins ergab eine Fülle verschiedenster Events jenseits der schon bekannten radsportlichen und baugeschichtlichen Bedeutung der seit 2012 denkmalgeschützten Bielefelder Radrennbahn. Niemand ahnte, welche bemerkenswerten Geschichten sich um dieses einmalige Bauwerk ranken! Besucher*innen können am Tag des offenen Denkmals® diese Besonderheiten nacherleben. Damit ergibt sich eine weitere Facette des Denkmalschutzes: Ermittlung längst vergangener Ereignisse und Bewahrung derselben vor dem Vergessen – das liefert neue, ganz gewichtige Aspekte der kulturellen Bedeutung eines Denkmals.
Schauen wir uns die vielfältigen Kulturspuren einmal näher an, aufgeteilt in die Bereiche Politik, Unterhaltung und Sport.


Politik
Herausragendes Ereignis war das SPD-Bezirksfest 1957, das dem Stadion volle Ränge bescherte. Die Tageszeitung berichtet über 18.000 Besucher, die dem Hauptredner Erich Olllenhauer zujubelten. Ernst Lemmer als Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen forderte am 17. Juni 1958 bei einer Großveranstaltung zum 5. Jahrestages des Aufstands in der DDR, der Politik des Eisernen Vorhangs eine Politik der weitgöffneten Tür entgegenzustellen. Im Wahlkampf der CDU begeisterte Bundeskanzler Konrad Adenauer seine Anhänger, wurde allerdings von Bewohnern des angrenzenden „Fünften Kantons“ verbal schwer angegriffen.

SPD-Bezirksfest 1957, Plakatsammlung Stadtarchiv Bielefeld

Unterhaltung
Die berühmten „Harlem Globetrotters“ begeisterten 1955 mehr als 11.000 Zuschauer*innen mit ihren Basketball-Tricks beim Spiel gegen die „Honolulu Surfriders“. Im Beiprogramm brachte die „Miss Hawaii 1954“ durch ihre verführerischen Tänze einen routinierten Bildreporter zum Erröten, so berichtet es jedenfalls das WESTFALEN-BLATT. Tausende hielten den Atem an, als die Traber-Familie ihre Hochseil-Artistik in schwindelnder Höhe vorführte. Britische Militärkapellen waren regelmäßig zu Gast in der Radrennbahn, das Bielefelder Publikum freute sich über großzügig verteilte Freikarten. In den 1970er Jahren wurde das Betonoval zum Sammelpunkt der ostwestfälischen Fans der Beat- und Bluesmusik. Aber auch Polizeisportfeste und die Abschlusswoche der 750-Jahr-Feier der Stadt Bielefeld zogen Besuchermassen auf die Tribünen der Rennbahn.

Harlem Globetrotters 1955, Fotosammlung Helmut Neumann

Sport
Viele Bielefelder*innen erinnern sich bestimmt noch an die Abschlussveranstaltungen der Bundesjugendspiele und Schulsportfeste, die auf dem Rasen im Innenraum der Bahn stattfanden. Leichtathletikfeste der regionalen Turn- und Sportvereine boten die optimale Möglichkeit, für den Breitensport zu werben. Besonderes Glanzlicht waren die spektakulären Wettbewerbe der deutschen Elite der Stabhochspringer. Dass Sportangler ihre Meisterschaften im Köder-Weitwurf hier austrugen, ist heute kaum noch vorstellbar, aber wahr!

Schulsportfest 1962, Archiv Sudbrackschule


In Form einer Wandzeitung können Besucher*innen diesen Kulturspuren folgen – ganz im Sinne des diesjährigen Mottos des Denkmaltags.